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User Story Mapping

Der Scrum Guide beschreibt das Product Backlog als “eine geordnete Liste von allem, von dem bekannt ist, dass es im Produkt enthalten sein soll.” Flache Listen versperren aber oft den Blick auf das Große Ganze (engl. Big Picture) und schränken uns unnötig ein in der Exploration neuer Produktideen und der Release-Planung.

Abhilfe können hier User Story Maps schaffen, die das Product Backlog auf zwei Dimensionen erweitern:

  • Die horizontale Achse stellt aus Sicht der Nutzerinnen den zeitlichen Ablauf der verschiedenen Aktivitäten, Tätigkeiten und Interaktionen mit dem Produkt dar.

  • Auf der der vertikalen Achse werden mit zunehmender Komplexität alternative Abläufe und zusätzliche Funktionalitäten des Produkts abgebildet.

User Story Maps helfen uns also dabei unser Produkt aus Sicht unterschiedlicher Nutzerinnen und in mehreren Ausbaustufen zu betrachten und strukturiert mit Stakeholdern darüber zu sprechen.

User Story Mapping Dimensionen

Learning by doing

Neurowissenschaftliche Studien belegen, dass wir besser lernen, wenn wir Konzepte und Praktiken direkt zur Anwendung bringen. Daher laden wir Sie ein, User Story Mapping anhand eines praktischen Beispiels aus Ihrem Alltag direkt selbst zu erproben.

Die nachfolgende Übung stammt aus Jeff Pattons Buch User Story Mapping: Discover the whole story, build the right product (O’Reilly, 2014). Sie können sie alleine oder in einer kleinen Gruppe erarbeiten.

Sie benötigen dazu

  • 15 Minuten Zeit,

  • Haftnotizzettel oder Notizzettel und

  • einen Stift.

1. Schreiben Sie Ihre Story auf – Schritt für Schritt

Nehmen Sie einen Stift und einen Block Haftnotizzettel zur Hand. Denken Sie darüber nach, wie Sie heute morgen aufgewacht sind. Was war das erste, was Sie heute morgen getan haben? Schreiben Sie dies auf einen Haftnotizzettel. Ziehen Sie den Zettel vom Block und kleben ihn auf eine glatte Oberfläche, wie z.B. einen Tisch oder ein Fenster. Auf meinem Zettel stünde beispielsweise “Wecker abstellen”.

Überlegen Sie sich dann, was sie als nächstes gemacht haben. Schreiben Sie dies ebenfalls auf Klebezettel und kleben Sie diese neben den ersten Zettel. Auf meinen Zetteln stünde “aufstehen” und “ins Bad gehen”.

Fahren Sie so fort, bis Sie zu dem Punkt kommen, an dem Sie Ihre Morgenroutine beendet haben und bereit für Ihr Tageswerk sind. In meinem Fall: “Ins Auto steigen”.

User Story Mapping Schritt für Schritt

Sie sollten nun eine ordentliche Sammlung Haftnotizen vor sich haben. Wenn nicht haben Sie wohl ein wesentlich unkompliziertes Leben als ich. Eventuell liegt es aber auch daran, dass wir auf unterschiedlichen Flughöhen, bzw. Detaillierungsgraden unterwegs sind. Manche sind hier sehr ausführlich, andere eher Ressourcen schonend, in dem sie viele Schritte zusammenfassen.

Von Alistair Cockburn stammt das Konzept der Zielebenen (engl. goal levels). Darin beschreibt er funktionale Tätigkeiten (engl. functional tasks) als in sich abgeschlossene Tätigkeiten; also Dinge, die man zu Ende bringt, bevor man etwas anderes anfängt. Ein Beispiel hierfür wäre die Tätigkeit “Duschen”, welche man vermutlich nicht unterbricht, um sich einen Kaffee zu holen und dann weiter zu duschen.

Diese funktionalen Tätigkeiten lassen sich in weitere kleinere Sub-Tätigkeiten (engl. sub-tasks) runterbrechen. Beim gewählten Beispiel “Duschen”: “Ausziehen”, “Duschvorhang zur Seite ziehen”, “in die Dusche treten”, “Wassertemperatur einstellen”, “Nassmachen”, “Einseifen”, und so weiter und so fort…

Ebenso lassen sich funktionale Tätigkeiten sinnvoll zusammenfassen. Unter der Zusammenfassung (engl. summary) “Morgenhygiene” gesellt sich die Tätigkeit “Duschen” zu anderen Tätigkeiten, die die Sozialverträglichkeit enorm steigern, wie “Zähneputzen”, “Haare kämmen” und “Rasieren”.

Für User Story Maps im Allgemeinen –und diese Übung im Besonderen– sollten Sie versuchen ihre Geschichte auf der Flughöhe funktionaler Tätigkeiten zu beschreiben, da diese eine hervorragende Basis für gute Gespräche über das Nutzererlebnis bieten. Schauen Sie daher noch mal über Ihre Haftnotizen – welche Sub-Tätigkeiten lassen sich in funktionale Tätigkeiten zusammenfassen? Welche Zusammenfassungen können in funktionale Tätigkeiten runtergebrochen werden?

User Story Mapping Zielebenen

2. Bringen Sie Ordnung in Ihre Geschichte

Wenn Sie dies nicht ohnehin schon gemacht haben, bringen Sie Ihre Geschichte nun in einen geordneten Ablauf von links nach rechts. Sprich: Sie beginnen links mit Ihrer ersten Tätigkeit am Morgen und enden rechts mit der letzten Tätigkeit, die Sie bereit macht für den Beginn Ihres Tagewerks. Tätigkeiten, die gleichzeitig passieren, dürfen Sie gerne übereinander stapeln.

In einer User Story Map wird diese Von-Links-nach-Rechts-Achse der Erzählfluss (engl. narrative flow) genannt.

Wenn Sie als Gruppe gemeinsam eine User Story Map erstellen und über die Reihenfolge diskutieren, bedenken Sie bitte, dass für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Erlebnisse und Abläufe haben. Ich halte mich nicht einmal zuverlässig an meine eigene Morgenroutine. Vermutlich ist es auch nicht so wichtig, ob man zuerst einen Kaffee trinkt oder erst ein Brot schmiert. Über zwingende Abhängikeiten herrscht in der Regel schnell Einigkeit: Es erscheint logisch, dass man die Kaffeemaschine zuerst einschalten muss, ehe man sich einen Kaffee machen kann.

User Story Mapping Erzählfluss

3. Berücksichtigen Sie alternative Abläufe

Fragen Sie sich nun:

  • Hatten Sie heute einen typischen Morgen?

  • Wie war gestern Ihr Ablauf am Morgen? Wie vor einer Woche?

  • Gibt es Tätigkeiten, die Sie nicht jeden Tag machen? Wie z.B. Frühsport, besondere Bedürfnisse von Lebenspartnerinnen, Kindern, Haustieren, usw.

Fügen Sie Variationen, alternative Abläufe und Details zu Ihrer User Story Map hinzu. Wenn einzelne nur Sinn ergeben, wenn verschiedene Personen und Akteuere beteiligt sind, können Sie diese gerne oberhalb ihrers Erzählflusses als eigene Haftnotizen dazukleben. Diese Akteure werden auch Personas genannt.

User Story Mapping Alternativen

4. Fassen Sie ihre Map zusammen

Treten Sie nun einen Schritt zurück und betrachten Ihre User Story Map als Ganzes. Gibt es Tätigkeiten, die gemeinsam einen Sinn ergeben? Wie z.B. “Kaffee trinken”, “Müsli essen”, “Pausenbrot schmieren”; alles Tätigkeiten, die in der Küche stattfinden und als “Frühstücken” zusammengefasst werden können. Diese Aggregationen nennen wir Aktivitäten (engl. Activities).

Nehmen Sie andersfarbige Haftnotizen und ergänzen Sie Ihre User Story Map um zusammengefasste Aktivitäten. Diese bilden das Rückgrat (engl. Backbone) der Erzählung. Das Rückgrat hilft dabei den Gesamtkontext im Auge zu behalten und erleichtert dadurch die Gespräche und Diskussionen über das Produkt.

Tipp: Wenn Sie nur eine Sorte Haftnotizen haben, können Sie die Haftnotizen um 45 Grad drehen, um die Aktivitäten von den Tätigkeiten zu unterscheiden.

User Story Mapping Rückgrat und Aktivitäten

5. Fokussieren Sie sich auf spezifische Ergebnisse

Stellen Sie sich nun folgende Situation vor: Es beginnt ein neuer Tag. Doch diesmal werden Sie nicht wie sonst geweckt. Sie haben verschlafen! Sie haben nur 5 Minuten Zeit bis Sie das Haus verlassen müssen.

  • Schreiben Sie das Ziel “in 5 Minuten das Haus verlassen” auf ein Post It und kleben Sie es links oben neben Ihren Erzählfluss.

  • Identifizieren Sie die Tätigkeiten, die Sie immer noch machen, wenn Sie nur 5 Minuten Zeit haben. Fügen Sie gegebenenfalls weitere Tätigkeiten hinzu, die sie stattdessen tun. (So könnte beispielsweise “Extra viel Deo auftragen” zahlreiche Tätigkeiten aus der Rubrik “Morgenhygiene” ersetzen…)

  • Platzieren Sie Tätigkeiten, die Sie nicht tun, wenn Sie nur 5 Minuten Zeit haben, tiefer in Ihrer User Story Map.

Sie haben dadurch den einfachst denkbaren Ablauf Ihrer Morgenroutine modelliert. Würden wir hierbei über ein Produkt sprechen, wäre dies das sogenannte Minimum Viable Product (MVP), also die kleinste funktionale Version unseres Produktes. Oder das erste Release, wenn Sie so wollen.

  • Identifizieren Sie nun weitere Ausbaustufen: Was würden Sie zusätzlich in Ihren Morgenablauf integrieren, wenn Sie 10, 20 oder 30 Minuten Zeit haben?

User Story Mapping Ergebnisorientierung

Die fertige User Story Map

Sie haben nun die Bausteine einer User Story Map kennengelernt und –da Sie natürlich unserer freudlichen Einladung gefolgt sind– das Konzept in Ihrem Langzeitgedächtnis verankert, in dem sie es direkt zur Anwendung gebracht haben. Es kann dennoch nicht schaden, noch mal alle Elemente zusammenzufassen:

  1. Der Erzählfluss (engl. narrative Flow) bildet das Erlebnis der Nutzerinnen von links nach rechts chronologisch in Form von funktionalen Tätigkeiten (engl. functional Tasks) ab.
  2. Zusammenhängende Tätigkeiten werden zu Aktivitäten (engl. Activities) zusammengefasst. Diese bilden das Rückgrat (engl. Backbone) Ihrer Erzählung.
  3. Sind verschiedene Aktivitäten für verschiedene Akteure relevant, machen wir dies durch Personas deutlich.
  4. Auf der vertikalen Achse bilden wir die Komplexität unserer Geschichte, bzw. unseres Produktes ab: Ganz oben stehen die Tätigkeiten, die für die kleinste, funktionale Ausbaustufe notwendig sind. Dies ist das laufende Skelett (engl. walking skeleton) unserer Geschichte. Darunter gruppieren wir Varianten, Alternativen und zusätzliche Details, die notwendig sind, um weitere erwünschten Ergebnisse zu realisieren.

Einsatzszenarien – Wie Sie User Story Maps anwenden

User Story Maps helfen dabei, sich auf die Bedürfnisse und das Erlebnis des Nutzers (engl. user experience) zu fokussieren. Dadurch laufen Sie nicht gefahr, dass Ihr Product Backlog lediglich aus (vermeintlichen) Lösungen und Liefergegenständen besteht.

Journey Maps

Sie können User Story Maps nutzen, um ein besseres Verständnis für die Probleme und Bedürfnisse Ihrer Nutzer zu erfahren. Dazu modellieren Sie eine User Story Map, die den Ist-Zustan abbildet; also wie Kunden und Nutzer ein spezifisches Szenario aktuell erleben. Diese Art Map bezeichnet Jeff Patton als Jetzt- der Journey Map.

Journey Maps eignen sich auch sehr gut, um die Kundensicht im bekannten Business Model Canvas, bzw. Value Proposition Canvas zu erarbeiten.

Später-Maps

In Form von Später-Maps (engl. later maps) modellieren Sie anschließend die Zukunft, also wie Ihr Produkt oder Service Kunden und Nutzern dabei hilft, ihre Probleme und Bedürfnisse besser zu adressieren.

Mit Hilfe von User Story Maps behalten Sie dabei die gewünschten Ergebnisse (engl. outcome) im Blick. Treten die gewünschten Ergebnisse bereits in frühen Ausbaustufen ein, können Sie Ihr Budget auf andere Ergebnisse umlenken. User Story Maps in Verbindung mit einem iterativ-inkrementellen Entwicklungsansatz, wie z.B. Scrum oder Extreme Programming, helfen also dabei das agile Prinzip “Einfachheit –die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren – ist essenziell” umzusetzen, in dem es dabei hilft Ergebnisse zu maximieren und Arbeit (engl. Output) zu minimieren.

Ein positiver Nebeneffekt dabei ist, dass dies auch die Effektivität (engl. impact) des Unternehmens steigern kann; sprich Sie positionieren sich besser in Ihrem Marktsegment und erzielen mehr Umsätze.

User Story Mapping Outcome vs Output

User Story Mapping – Workshop

So setzen Sie User Story Maps als Werkzeug in Ihren Workshops ein. Bedenken Sie dabei, dass User Story Maps ein Kommunikationswerkzeug sind. Nutzen Sie die Maps, um sich mit Nutzern, Stakeholdern und Entwicklern über Ihr Produkt zu unterhalten. Entwerfen Sie die User Story Map nicht alleine im stillen Kämmerlein.

  1. Umreißen Sie das Problem: Welche Nutzergruppe hat welches Bedürfnis und warum wollen wir dafür eine Lösung finden?
  2. Überfliegen Sie das große Bild: Erstellen Sie eine User Story Map. Konzentrieren Sie sich dabei auf das große Bild; sprich: bleiben Sie im Erzählfluss indem Sie die X-Achse Ihrer Map in die volle Breite ziehen. Gehen Sie nicht zu sehr ins Detail; halten Sie die Y-Achse Ihrer Map flach.
  3. Gehen Sie auf Erkundungstour: Füllen Sie nun die Lücken. Welche unterschiedlichen Nutzergruppen gibt es noch? Welche alternativen Abläufe und Bedürfnisse gilt es zu berücksichtigen? Was kann alles schiefgehen?
  4. Identifizieren Sie die Ausbaustufen: Es gibt immer mehr zu tun, als Ihr Budget erlaubt. Fokussieren Sie sich auf Ihre Produkt- und Unternehmensziele. Identifizieren Sie, was in in einer ersten, minimalen Ausbaustufe enthalten sein soll. Und in einer zweiten, dritten, …
  5. Minimieren Sie Risiken: Was sind die größten Risiken? Und wie können wir mit Hilfe von kleinen Experimenten schneller lernen und diese Risiken adressieren, bzw. minimieren? Kann das Minimal Viable Product (MVP) aus Schritt 4 vielleicht nicht doch noch etwas kleiner geschnitten werden, so dass wir früher Feedback erhalten und schneller lernen können?
  6. Planen Sie die Entwicklung: Nachdem Sie nun wirklich alles entbehrliche aus Ihrer ersten Ausbaustufe entfernt haben, haben Sie identifiziert, was sie wirklich zu tun haben. Schneiden Sie dies in Entwickler-freundliche Happen und legen Sie los.

 

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